Zuckerrohr in Kenia: Monokulturen bedrohen das Tana-Delta
Den Hippos steht das Wasser bis zum Hals, und das ist gut so. „Aber wie lange noch?“, fragt Maulidi Diwayu und mustert besorgt die kolossale Herde, die einen kleinen See im Tana-Delta dominiert. „Wenn die Regierung ihre Entscheidung nicht zurücknimmt, werden diese Flusspferde bald auf dem Trockenen stehen.“ Maulidi Diwayu kämpft mit seiner Umwelt- und Menschenrechtsorganisation Tadeco seit Jahren um den Erhalt seiner Heimat; es ist die Heimat Tausender Bauern, Fischer und Hirten und einer Million Weidetieren. Und nicht nur das. „Wir leben hier auf einem absoluten Hotspot der Artenvielfalt“, sagt Diwayu. „Denn das Zusammenspiel von Süß- und Salzwasser beschert Flora und Fauna einen ganz besonderen Lebensraum – vor allem für Vögel.“ Das Delta ist Lebensraum von 350 Vogelarten und wichtiger Rastplatz für Zugvögel. In seinen Flusswäldern leben zwei der weltweit gefährdetsten Primatenarten: Tana-Stummelaffe und Tana-Mangabe. Viele Amphibien- und Reptilien-Arten gibt es nur hier. „Und trotzdem hat das Delta keine Schutzgebiete,“ klagt Diwayu. „Obwohl auch Kenia die Ramsar-Konvention unterzeichnet hat, das internationale Übereinkommen zur Bewahrung der wichtigen Feuchtgebiete unserer Erde.“
Stattdessen stiehlt die Regierung ihren Bürgern das Land, das sie seit Jahrtausenden bewohnen und bewirtschaften. Landrechte über 40.000 Hektar hat sie der halbstaatlichen Agentur TARDA überschrieben – erstmal um Reis und Mais zu pflanzen gegen Hunger und Armut. Aber das Ziel heißt Zuckerrohr, um Ethanol für den Weltmarkt zu produzieren. Dafür wurden bereits Dämme gebaut, Bewässerungskanäle gezogen und der Bevölkerung das Wasser abgegraben. „Dazu hatte die Regierung überhaupt kein Recht“, sagt Umweltaktivist Diwayu. „Das Land hier ist „Trust Land“, das der Staat im Auftrag seiner Bürger verwaltet und nicht verkaufen darf – schon gar nicht ohne jegliche Anhörung und Mitsprache der Menschen, die auf diesem Land leben!“
Die schlimmsten Befürchtungen der Delta-Bewohner scheinen nun wahr zu werden. 20.000 Hektar soll die erste Zuckerrohrplantage umfassen; ein Gemeinschaftsprojekt von Kenias größtem Zuckerproduzenten Mumias und TARDA. Und das ist nur der Anfang. Mindestens zwei weitere internationale Konzerne sind begierig darauf, das fruchtbare Delta unter Energiepflanzen für Agrosprit zu begraben. Das Emirat Katar investiert in Ackerland, um sein Volk zu ernähren; ein kanadisch-chinesischer Konzern will Titan unter den Sanddünen fördern. Kenias Regierung nennt diese Pläne Wirtschaftsförderung und Armutsbekämpfung – und hält sämtliche Details bislang unter Verschluss.
Einmal sind die Umweltschützer mit ihrer Klage gegen die Zerstörung des Deltas bereits gescheitert. „Wir werden es wieder versuchen,“ sagt Maulidi Diwayu und hofft auf weltweite Unterstützung. Dafür haben die Umweltschützer einen Protestbrief an Kenias Premierminister Raila Odinga und die verantwortlichen Behörden formuliert mit der Bitte an die Weltgemeinschaft: Beteiligen auch Sie sich an unserer Aktion zum Schutz eines Ökosystems, das für die ganze Erde von Bedeutung ist!
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